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Solo-Trip ins Baltikum 2026

22. Sept.
17 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Sept.

 


Sonntag. Heute geht sie also los, meine Motorradtour ins Baltikum. Die erste seit mehr als 10 Jahren, die ich ganz allein fahre, ohne Buddy, ohne Frau.

Vor meiner Zeit mit Claudia bin ich viel allein gefahren, auch 2 Wochen Touren nach Albanien und Kroatien, aber inzwischen bin es gewohnt im Rückspiegel die Scheinwerfer eines anderen Motorrades zu sehen. Wenn mehrere unterwegs sind, gibt das ein Gefühl von Zusammenhalt, von Gemeinschaft und von einer gewissen Sicherheit. Aber auch von Pinkelstopps, Muhlikuh-Fotos und permanente Absprachen was Essenszeit, Kaffeepausen oder einfach „links oder rechts?“ betrifft.

Nicht zuletzt deswegen bin ich jetzt allein unterwegs. Ich trinke Kaffee, wann ich mag. Ich tanke und geh aufs Klo ganz, wie es mein Moped oder Körper verlangt. Ich sitze und atme und muss nix sagen. Grenzenlose Freiheit und ebensolche Abenteuer umgeben mich. Kaum 700km von zuhause entfernt, finde ich mich in einer mir unbekannten oder zumindest ungewohnten Welt wieder. Niemand hier spricht englisch oder gar deutsch, das Bier wird ohne Schaum serviert und bei Tempolimit 110km/h auf der Autobahn fahren tatsächlich alle 110km/h.

Das erste Etappenziel liegt mittig in Polen, südöstlich von Warschau. Ein Hotel, neben der Autobahn.  Mit angeschlossenem Restaurant. Naja, Polen halt.

Sollte man denken. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus.  High-level Autobahnen vom Feinsten mit Kreuzungen, die man bezüglich Größe in Österreich höchsten in Wien kennt, mir selbst fällt nur das Voralpenkreuz ein. Die Autobahnraststätten sind blitzsauber und mit Mäcci oder KFC bestückt. Manche weisen drauf hin, dass sie keine Duschen haben (!) und auch abseits der Autobahnen sieht alles sauber und gepflegt aus. Was ist da los? Mein Bild von Tschechien und Polen scheint überholt. Nirgends lauern dubiose Gestalten mit Flex und Ratschensatz im Anschlag um unbewachte Räder, Auspüffe (doch, doch, das ist schon richtig so) oder Karosserieteile zu entwenden. Keine rauchenden Gruppen von dubiosen Gestalten, die ihren nächsten Coup planen, keine Rastplätze, die zu Organspenden einladen. Alles scheint Ordnung, alles funktioniert.

Landschaftlich kann man zwischen Wien und Warschau nicht viel erwarten. Es ist grün, es ist flach und es ist viel.  Endlose Wälder, ebensolche Felder werden nur durch größere Städte und deren Autobahn Zu- und Abfahrten unterbrochen. Vereinzelt stehen Windräder herum aber die wirken wie nicht richtig ernst gemeint (wahrscheinlich musste Brüssel-Geld irgendwie untergebracht werden). Was es aber gibt und was auch auffällig ist, sind jede Menge Schornsteine. Beinahe jeder Ort, sicher aber jede Stadt verfügt über rauchende Schlote. Wenn bei uns die Industrie eher Orts fern untergebracht wird, scheint sie hier neben Kirche und Dorfkirche ins Zentrum zu gehören.

Am nächsten Tag geht’s weiter über die Autobahn in Richtung Litauen. Der Plan war, für die Anreise so wenig Zeit wie möglich zu verbrauchen, aber das war nicht so klug gewesen. 

Nördlich von Warschau ist Polen noch schöner. Zwar sucht man Berge noch immer ohne Erfolg und natürlich kann ich nur aus Sicht eines Autobahnbenutzers sprechen aber die Ebenen haben plötzlich ihren Reiz. Die Waldflächen werden größer und die Dörfer kleiner und kaminloser, anscheinend leben jeder mehr Bauern als Fabrikanten.

Ich fahre auf die Grenze nach Litauen zu und ab Suwalki rücken die Nachbarstaaten Belarus und Russland schon ziemlich nahe (dabei misst die durch7fahrt immerhin ca. 90km). Der Grenzübergang nach Litauen ist kaum zu bemerken und völlig unspektakulär.  Keine alten Grenzposten mit Wachttürmen samt Schießscharten, keine Stacheldrähte und gefährlich aussehende, kyrillische Schriftzeichen. Nix. Einzig die EU-Tafel mit Lithuania und noch eine mit den üblichen Geschwindigkeitsvorgaben.

Das südliche Litauen sieht aus wie das nördliche Polen. Flach, sauber und vor allem: neu. Schon in Polen waren die Straßen außergewöhnlich gut, aber Litauen toppt das noch. Die gesamte Infrastruktur wirkt wie gerade erst gebaut. Die Autobahn wirkt noch breiter, die Autobahnanschlüsse (für wirklich fast jedes Kaff) sind sehr großzügig bis übertrieben groß und Raststätten, Leitplanken, Lichtanlagen oder Fußgängerüberführungen wirken unbenutzt und in der Menge unnötig.

50km vor Vilnius verlasse ich endlich den Highway und meine Erkundigungen der baltischen Staaten können beginnen. Trakai mit der Wasserburg und der umgebenden Seenlandschaft ist jedenfalls einen Besuch wert, auch hier, abseits der Autobahn sieht es überhaupt nicht nach Russland, Ostblock oder so jetzigen aus. Alles sehr westlich, Supermärkte und Pizzerien in jedem Dorf. Eigentlich alles wie bei uns, nur die Kirchen sind noch schöner, weil bunter, geschmückten. Goldene zwiebelkuppeln und rosa Anstriche wirken viel einladender als das fröhliche mausgrau unserer Breiten.


Was mich aber komplett überrascht hat, Ist Vilnius. Die Unterkunft im Zentrum hat sich wieder bewährt.  Fußläufig erreichbar waren Altstadt und künstlerviertel (Uzupis), der rundweg ist gepflastert mit Kirchen jeder Fraktion, Stadtmauerresten, Parks und schöner, alter Architektur. Dabei wirkt die Stadt modern, sicher und sauber. Was es nicht gibt, sind Cafés bzw. Kalorien- Sündenpfuhle mit Torten und viel Sahne. Alles hier ist ein Restaurant und Kaffee gibt’s höchstens als Dessert, ganz klar ein Minuspunkt für die Litauer!


Aus Vilnius raus dauert es wesentlich länger am nächsten Morgen gegen 8:00.  Staus auf allen drei Spuren wegen Baustellen werden allerdings sehr erleichtert, weil die Eingeborenen gerne Platz machen und Motorräder vorbeilassen. Nach etwa 30km tauche ich ein ins litauische Hinterland. Was aber meine Planungssoftware als Nebenstraßen deklariert hatte (dieselben „Nebenstraßen“, die bei der letzten Tour in Albanien nicht einmal Feldwege waren), entpuppt sich als einwandfreie Landstraße, bestens asphaltiert, beschildert und mit kilometerlangen Maschendrahtzäunen vom Wald rundherum abgetrennt. Man fährt ein wenig wie unter Labor Bedingungen.

Schnurgerade Top-Straßen mit 90km/h im Tempomat zu befahren ist nur bedingt unterhaltsam, aber trotzdem macht diese Landschaft Spaß. Entfernt sehe ich Kirchtürme von Ortschaften, deren Namen man im Navi nicht ablesen kann, weil die Buchstabenkombination für Mitteleuropäer nicht nachvollziehbar ist und alle 20km fährt man selbst durch ein Mini-Dorf und ich frage mich, wie viele junge Menschen hier wohl noch leben.


Im Nordosten Litauens beginnt dann die Seenlandschaft. Was vorher nur vereinzelt aufgetreten ist, sehe ich nun immer öfters im Verbund. Kleine und größere Teiche und Seen, nette kleine Ortschaften mit Segelboot Häfen oder Privathäuser mit Bootssteg – alles wie bei uns, allerdings ohne Tourismus.  Es gibt hier keine Eisdielen, Restaurants, Pizzerien. Kein Lärm, keine Souvenirs, kein Stau.  Man kann da nur hoffen, dass das noch lange so bleibt.

Raus aus Litauen und rein nach Lettland. Diesmal ist der Grenzübergang nur eine Baustelle an der gerade gearbeitet wird. Wieder nichts Spektakuläres. Bis auf die Kfz-Kennzeichen und Beflaggung an den Häusern ändert sich nichts. Allerdings: nach etwa 15km fahre ich wieder durch ein dicht bewachsenes Wald- und Wiesengebiet und plötzlich, nach einer leichten Kurve, quert ein Elch die Fahrbahn. Ein echter, riesengroßer Elch! Sehr gechillt und sehr erhaben ignoriert er mich und verschwindet wieder im Unterholz. Obwohl ich sofort nachsah, und ich war nur etwa 100m entfernt, konnte ich leider nichts mehr von ihm sehen.

Auch Lettland hat dieselbe, üppige Landschaft, die ich bereits aus Litauen kenne. Vielleicht etwas mehr Seen und Teiche, etwas weniger Kirchen und dieselben reservierten Einwohner. Mir kommt vor, als wenn hier niemand englisch spricht und die Leute deswegen sehr zurückhaltend sind. Gerade in den Ballungsgebieten fällt auf, wie grantig die Menschen wirken. Kein Lächeln und kein Versuch etwas Konversation zu machen. Vielmehr zeigt man sich unsicher, weil man mich nicht versteht (es müsste doch eigentlich andersherum sein, oder?). Ganz anders auf dem Land, d.h. In den kleinen Dörfern mit 10 Häusern und Supermarkt.  Hier wird mit Händen und Füßen gefuchtelt und das Motorrad begutachtet. Ein ehemaliger Java Pilot lässt mich wissen, dass er zwar Germany kenne, aber von Austria noch nie etwas gehört habe.

Die Unterkunft in Rezekne ist ok (das Zimmer liegt auf der 8.ten Etage), den „atemberaubenden Blick über die Schönheit der Altstadt“ habe ich zwar nicht gefunden aber dafür die Pizzeria und den Zahnarzt Tür an Tür im Erdgeschoss, was hier 1st Floor heißt, man ist schließlich international. Rezekne ist eine typische Kleinstadt hier, an deren Rand man noch die Architektur der Sowjetunion erkennen kann. Billigste Plattenbauten, heruntergekommen und doch bewohnt, lassen erahnen, wo diese Stadt ohne EU-Förderungen wäre. Das Zentrum hat moderne Gebäude, westeuropäische Supermärkte und Ärztezentren aber gewohnt wird im Plattenbau. Auch wesentlich kleinere Orte haben diese Prachtbauten aus den 60er Jahren.  Dörfer mit vielleicht 30 Häusern haben Wohnsilos mit 3x30 Wohnungen am Ortsrand. Viele davon stehen allerdings leer. Die Wohnhäuser auf dem Land sind zu 80% aus Holz gebaut. Immer mit eingehaustem Eingangs Bereich und immer mit überlappen Latten, innen und außen. Das sieht zwar idyllisch und rustikal aus, aber ich denke, dass diese Bauweise eher der Armut geschuldet ist und keinem Bio-Gedanken.

Was noch auffällig ist, es gibt weder Katzen noch Hunde noch Motorradfahrer! Bis heute habe ich gerade mal eine Katze gesehen, 2 Hunde (auf der Rückbank eines Autos) und keinen einzigen anderen Touren Fahrer. Auch die langsame Fahrt durch Höfe und Kleinstdörfer zeigt nur Schafe, Hühner, Pferde und Rinder. 


Der nächste Tag bringt mich in Sichtweite zur russischen Grenze. Kilometerweit sind Wachtürme und Panzer-sperren zu sehen, ein Stacheldrahtzaun und dasselbe nochmals auf der anderen Seite (wobei die Russen wohl weniger Angst vor einer Grenzverletzung haben). Ich weiß auch nicht, was ich zu sehen erwartet hatte, vielleicht Mordor oder dunkle Horden umherziehender Gestalten, aber nichts dergleichen.  Der russische Wald sieht genauso grün und gesund aus wie der lettische, auf den Äckern wächst dasselbe und die Menschen hüben wie drüben plagen, mutmaßlich, dieselben Sorgen und Gedanken.

Lettlands Osten hat jede Menge Moore und Sumpfgebiete, dazwischen laufen schnurgerade Straßen durch kleine Örtchen. Es gibt kaum Verkehr, ich bin praktisch allein auf der Straße und genieße die vielen schönen Aus- und Anblicke. Je weiter ich allerdings nach Norden komme, desto häufiger werden Schotterpisten meine Unterlage. Eigentlich kein Problem, die Pisten sind gut präpariert, festgefahren und es gibt keinen Gegenverkehr a er auf Dauer wird’s dann doch anstrengend. Immer wieder tauchen plötzlich Schlaglöcher vor mir auf und gerade in Kurven hat sich der Schotter ziemlich gelockert, von entspanntem fahren kann da keine Rede sein. Alles in allem lege ich heute 130km auf diesen Pisten zurück, weil die Asphalt Knappheit auch nach meinem Grenzübertritt nach Estland weitergeht.


Was mir negativ auffällt ist, dass es in den baltischen Staaten keinerlei Kaffeehaus Kultur gibt. Damit meine ich nicht unbedingt Kaffeehäuser, sondern eher den allgemeinen Wunsch sich mittags oder abends auf dem Dorfplatz zu treffen. Ein Bierchen, eine Zigarette und den Tagestratsch austauschen.  Das gibt’s hier nicht. Weder eine Kneipe, noch einen Marktplatz, noch irgendwelche Bänke, um sich hinzusetzen.  Der Platz um die obligatorische Kirche ist immer zu schön gepflegt. Englischer Rasen und peinlich genaue Blumenarrangements - hier wagt man es sicher nicht, sich mit einem Feierabend Bier niederzulassen. Es gibt auch keinerlei Leute auf der Straße, keine alten Männer (wie bisher überall auf der Welt) die sich die Zeit mit Schach, Zeitunglesen oder Gesprächen vertreiben. Möglicherweise treffen sich die Einheimischen aber auch heimlich in Hinterhöfen? Oder liegt an meiner Routenführung, die eher durch kleine Ortschaften führt? Möglicherweise werden in den touristisch erschlosseneren Gebieten diese älteren Menschen auf die Straße gesetzt, um sehr wohl ein soziales Leben der Eingeborenen vorzutäuschen, man weiß es nicht.

Glücklicherweise sieht meine gemietete Unterkunft innen viel besser aus, als es das Design und der Zustand des Gemeindewohnungsbaus von außen befürchten lässt. In Räpina gibt es zwei Restaurants, die allerdings nur Donnerstag bis Samstag geöffnet haben (heute ist Mittwoch), eine Tankstelle und einen Supermarkt. Und natürlich Plattenbauten außen rum. Kein Ort zum längeren verweilen. Morgen geht’s in die Hauptstadt, nach Tallinn. Und morgen kommt auch der Regen.

Heute ist schon morgen und der Regen kam nicht. Zwar ist alles grau in grau und die Straßen sind etwas feucht, aber das sollte kein Problem darstellen. 5 Stunden liegen vor mir (für den Dauer-Wolkenbruch-Notfall gibt es eine 3h Version) und ich freue mich trotzdem auf die Fahrt. Und ich behalte recht. Die Tour ist wieder vom Feinsten. Kilometerweit fahre ich durch dichte Wälder, der Asphalt ist top und die Reifen halten wie gewohnt einwandfrei auf nassem Untergrund (Pirelli Scorpion Rally STR). Dann kommt der riesengroße Peipus-See, der in der Mitte wieder die Grenze zu Russland bildet. Kleine Ortschaften mit kleinen Häfen, überdurchschnittlich schöne Häuser und entsprechende Autos vor den Garagen lassen vermuten, dass sich hier nicht das Armenviertel Estlands befindet.


Wie bereits gestern gibt es auch heute kaum Verkehr (abgesehen von der Einfahrt nach Tallinn am Ende des Tages waren es keine 20 Autos bei immerhin 300km), allerdings habe ich heute den ersten Motorradfahrer mit Gepäck gesehen. Es gibt also doch noch intelligentes Leben hier oben. Die Strecke von Rannapungeria nach Rakvere (#88) gehört zu den Schmankerln für Zweiradpiloten. Rauer Asphalt, moderate Kurven und viel Natur lassen die Zeit wie im Nu vergehen und kurz darauf bin ich am Finnischen Meerbusen.

Kurz vor Tallinn erwischt mich dann doch noch ein heftiger Regenguss, aber das kann den positiven Tag nicht mindern. Vernünftige Klamotten machen sich bezahlt und das Hotel in der Innenstadt ist dank Navi schnell gefunden. Der Regen hört auf und ich mache eine ausgiebige Tour durch die Altstadt inklusive der Besichtigung der Alexander Newski

Kathedrale (übrigens ein russischer Nationalheld, kein Este, sowie ein Heiliger der dortigen Fraktion). Tallinns Zentrum ist sauber und gepflegt. Es gibt die üblichen Souvenirläden und Restaurants für Touristen, rundherum allerdings jede Menge Kultur mit Museen, frühmittelalterlichen Architektur, Kirchen (natürlich) oder protzigen Verwaltungsgebäuden. Wieder mal war mein Hotel ein echter Glücksgriff. Das St.Olavs liegt zentral,

hat Parkmöglichkeiten vor dem Eingang und ist gebaut wie eine Burg. Unterpunkte Wände sind hier Absicht und die verwinkelten Gänge und Treppen im Fachwerkhausstil samt Plüschsofas und Klaviere, Vitrinen und prunkvolle Gemälde unbekannter Persönlichkeiten ergeben ein stimmiges Bild.  Man fühlt sich wohl. Bis man am nächsten Morgen zum Frühstück schreitet. Lieblos hingeworfen wirkt das Buffet, leider schmeckt es auch so. Der Kaffee ist heiß aber kein Kaffee und das Ambiente der beiden Räume erinnert sehr an alte Ostblockzeiten. Kahle Wände, nackte Tische und keinerlei Dekoration… die Gäste sind wohl bunt genug.

Das Wetter hat wieder umgeschlagen und es ist strahlend schön und kalt. Die Tour sieht heute zuerst 80km Autobahn vor, aber bereits nach wenigen Kilometern verlasse ich den langweiligen Highway. Noch dazu, weil viele Tafeln auf das Vorhandensein von Elchen hinweisen.

Ich biege ab in den Wald und bin wieder überrascht über den guten Zustand der Straße. Elch sehe ich keinen, aber es macht trotzdem Spaß.  Die Wege sind nass und rutschig, der Dreck spritzt bis zu meinen Knien und die Landschaft ist herrlich. Jede Menge kleiner Seen, viele Wochenendhäuschen mit Boot am See und dazwischen Wälder und saftige Wiesen.

Ab Parnu komme ich wieder auf die feste Straße #4 und hier, im Westen Estlands kommen plötzlich auch andere Motorradfahrer zum Vorschein.  An der Grenze wird Straße 4 zu Straße A1 und die Anzahl der Mopeds nimmt noch zu. Offensichtlich ist die Ostseeküste beliebter als der Osten.

Ich komme in Riga an, durchstreife das Zentrum und der Tourismus hat mich wieder. Man spricht deutsch und amerikanisch und irgendwie habe ich das gar nicht vermisst. Gruppen von Touristen werden von regenschirmtragenden Damen zum Schwarzhäupterhaus und zur St. Peters Kirche getrieben, man kennt das ja aus jeder Stadt. Nachdem ich mit Tallinn den

nördlichsten Punkt meiner Tour erreicht hatte, fühle ich mich seit der Abfahrt heute Morgen wie bereits auf der Heimreise. Schließlich geht’s ab jetzt konsequent und kontinuierlich nach Süden, auch wenn noch sieben weitere Stationen auf mich warten.

Heute, Samstag, kommen mir Horden von Motorradfahrern entgegen. Entweder fährt man hier nur am Wochenende oder man traut sich nur im Rudel auf die Straße, jedenfalls gibt es viele, vor allen Straßenmaschinen. Ich fahre die komplette P131 der Küste entlang, bis zum spitz in Kolka, dann die P124 nach Windau. Wieder ist die Piste perfekt, trotz Samstag kaum Verkehr und die, die unterwegs sind, sind Beerenpflücker. Ich habe noch nie so viele von ihnen gesehen.  Die schnurgerade Straße hat links und rechts etwa 10m Platz zum Parken, dann kommt ein Abflussgraben, dann beginnt der Wald und über mindestens 50km (!) wachsen Schwarzbeeren dieser Straße entlang. Meistens in Gruppen und mit kleinen Eimern ausgestattet wird gesucht und gefunden. Wie bei uns im Erdbeerland, nur eben in freier Natur.

Ich besuche noch Kuldiga, wegen der netten Altstadt, und genieße einen warmen Salat am Hauptplatz. Die Menschen hier sind offener und sprechen englisch, ein Hoch auf den Tourismus. Was aber nach wie vor auffällig ist, ist der Umstand wie sehr sich die Einheimischen an die Verkehrsregeln halten. Die Geschwindigkeitsvorgaben, im Süden Europas eher ein Vorschlag, werden peinlichst befolgt. 50kmh innerorts, 30 bei Schulen, 70 bzw. 90 außerhalb und 110 auf der Autobahn. Man hat direkt ein schlechtes Gewissen, wenn man jemanden überholt. Außerdem, und das ist wirklich bemerkenswert: es gibt hier keinen Müll. Zumindest keinen auf oder neben der Straße. Egal, ob Bundesstraße, Nebenstraße, innerorts oder neben einer Niederlassung einer Fastfoodkette. Sind hier die Menschen so viel weiter wie wir? Auf dem Land, wo vielleicht alle 3 Kilometer ein Haus wohnt, behilft man sich ziemlich originell: die Müllsäcke werden an den Bushaltestellen deponiert, wo sie von den Müllautos aufgesammelt werden (das Anfahren aller entlegenen Häuser wäre nicht schaffbar). „Keep it simple“ haben mir bereits die Einwohner Costa Ricas beigebracht.

Überhaupt kommen mir die Balten sehr entspannt und lebensbewusst vor. Viele sieht man beim Joggen, viele fahren Rad. Die Ortschaften haben Parks und Seen, die Schulgebäude wirken modern und liegen verkehrsberuhigt, viele Bäume inmitten der Wohngebiete und kaum mehr Plattenbauten. Fast alle Straßen haben getrennte, zweispurige Fahrradwege und eigene Bahnen zum Laufen. Platz spielt hier nicht so eine große Rolle, aber wichtig ist auch, dass er sinnvoll genutzt wird.

Was sie nicht haben, sind Berge (nicht einmal vernünftige Hügel) und Kurven gibt’s nur wenige, und die sind allesamt nicht der Rede wert. Das ist ein völlig anderes Fahren wie das, was ich gewöhnt bin. Hier ist es entschleunigter als gewöhnlich, man fährt gemütlich und hat immer genügend Zeit, um seinen Gedanken nachzuhängen. Der Tempomat für die langen Geraden ist Gold wert und durch das Funktionieren von Garmin, Sena und Triumph kann man jederzeit entspannt die Gegend genießen.


Ich komme in Liepaja an, eine Küstenstadt mit zwei Gesichtern. Da ist die Industrie, der Hafen und die modernen Gebäude - all das gefällt mir nicht. Dafür gibt’s aber auch noch die Altstadt mit solchen Schmankerln wie meine Unterkunft eines ist. Ein Original mit viel Charme, einer goldenen Badewanne und einer 3-Mädels-Partie, die den Laden schmeißt. Frühstück gibt’s keines, weil die den erst um 10:00 öffnen.

Sonntags ist wieder schlechtes Wetter, allerdings ohne Regen. Ich habe das Glück, dass ich vor jeden dunklen Wolke abbiege und so schaffe ich die Rückreise nach Litauen nur etwas angeleuchtet. Trotz der Wetterlage ist es wieder traumhaft zu fahren. Die Tour führt durch den Zemaitijos Nationalpark voller Seen und frisch beregneten Wälder, immer wieder bleibe ich stehen, um Bilder zu machen. Über Kretinga zurück in die Großstadt, nach Klaipeda. Wieder viel Kopfsteinpflaster, viele Touristen und was mir heute auffällt: alle Geschäfte haben trotz Sonntag geöffnet. Nicht nur die Lebensmittelhändler, auch Möbelhäuser, Autowerkstätten usw. arbeiten wie an einem Wochentag.


Hier setze ich mit einer 7€-Fähre (die Rückfahrt ist frei) auf die kurdische Nehrung über – und bezahle dort noch €10 „Energieeintritt“ für Verbrennermotoren. Erfinderisch sind sie ja schon hier, ist die Nehrung doch eine Touristen Hochburg. Dementsprechend viel Gegenverkehr habe ich auf einer Fahrt in Richtung russischer Grenze (Kaliningrad).

Der enge Landstreifen ist dicht bewaldet und hat nur eine Straße. Auf der Fahrt kann man das Meer zu beiden Seiten sehen und am Ende erreiche ich Nida, mein heutiges Ziel. Ich komme bei einer älteren Dame unter, die einen Teil ihrer großen Wohnung vermietet. Nida ist eine Kurstadt, dementsprechend viele alte Leute sind hier und verstopfen die Spazierwege.


Auch am nächsten Tag ist das Wetter nicht besonders gut, dass macht aber nichts. Montags herrscht wieder Berufsverkehr, dafür sind die Touristen weg. Ich sehe mir noch die größte Sanddüne Litauens (Europas?) an und mache mich auf den Weg nach Marijampole, meiner letzten Station im Baltikum. Was allen baltischen Staaten gemeinsam scheint, ist, dass der Westen viel europäischer wirkt wie der Osten der Länder. Im Westen gibt es Industrie, Fremdenverkehr und geschäftigen Treiben, im Osten gibt es eine Gegend nach der anderen und alles ist entspannter, einfacher, nicht so kapitalistisch orientiert. Aber vielleicht muss man das nur noch aufholen und die Entspanntheit ist gar nicht gewollt, sondern den Umständen geschuldet.

Marijampole ist eine Stadt wie viele, man muss sie nicht gesehen haben. Ein Speckgürtel mit Einkaufszentren, endlosen Gewerbeflächen und Kreuzungen, auf deren verbaute Fläche ein kleines Dorf passen würde. Im Zentrum etwas Fußgängerzone, ein wenig Kultur und Geschichte.

Am Tag 10 starte ich mit 10km Autobahn aus der Stadt heraus, um dann doch wieder übers Land zu fahren und an einem winzigen Grenzübergang nach Polen zu kommen. Gerade hier, im Wald und 15km vom nächsten Bauernhaus entfernt, kontrollieren mich vier Grenzbeamte (man hat ja Zeit).

Kaum in Polen angekommen, fallen mir einige Dinge auf: es gibt wieder Kurven, Katzen und Dorfzentren mit quatschenden Leuten auf Parkbänken. Es gibt auch plötzlich wieder sowas wie Kaffeehäuser am Straßenrand. Kleine Kneipen und Cafés, wo man ein paar (Plastik) Stühle ins Freie stellt und fertig. Herrlich. Was weniger herrlich ist, ist der viele Müll überall. Auf Parkplätzen, vor den Geschäften oder Tankstellen, einfach so neben der Straße- überall liegt Abfall. Und das ist kein Touristenmüll, der kommt schon von den Einheimischen. Auf den Privatgrundstücken stapeln sich alte Autoteile, Reifen und verrostete, landwirtschaftliche Geräte und auch auf den Firmengeländen sieht es nicht besser aus. Es wird offensichtlich nicht so viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung gel9egt wie noch in Litauen. Schade eigentlich.

Die Strecke selbst ist wieder ein Traum. Beim entspannten Cruisen auf meistens guten Oberflächen, noch dazu bei bestem Motorradwetter, vergeht die Zeit und die Kilometer wie im Flug. Ich fahre durch das wunderschöne Seengebiet rund um Lötzen/Wilkasy und genieße Sonnenstrahlen und die tolle Gegend.  Aber leider, auch das ist hier anders, sind die Zugänge zum Wasser plötzlich nicht mehr frei. Alles ist abgezäunt, alles ist privat, alles ist wieder reglementiert. Auch der Verkehr ist nicht mehr so entspannt wie noch vor einigen Tagen. Man fährt wieder mehr „auf Sieg“ und in den Orten und Örtchen wird wieder gehupt, wenn etwas scheinbar nicht passt. Auch die Autos werden größer und PS-stärker. Es ist wie ein Klischee, aber tatsächlich bin ich ca.50 km nördlich von Warschau endgültig weg von den baltischen Staaten und zurück in Mitteleuropa.

Die Unterkunft ist auch vom Feinsten. Tolles Zimmer, perfekte Lage und ein gebautes Restaurant mit Kaffee & Kuchen zum Nachtisch.

Der nächste Morgen beginnt total vernebelt und mit einem eher übersichtlichen Frühstück.  Und das, was da ist, schmeckt auch nicht besonders (also doch noch nix mit Mitteleuropa). Immer wieder fällt mir auf, wie unterschiedlich die Gewohnheiten beim Frühstück sehr sind. Ich selbst bin Fan von ausgiebigen Frühstücksorgien inklusive Diskussionen und Gesprächen. Das kann durchaus auch mal ins Brunchen übergehen, zumindest dann, wenn ich mit meiner Frau zusammen bin. Allein sind die Diskussionen schnell erschöpft und die Frühstücksdame hier kann ich auch nicht für ein Gespräch begeistern, aber zumindest gibt’s Kaffee hier.


Ab 8:30 kommt die Sonne durch und entgegen meinem Plan (ein Vorteil, wenn man alleine reist) und weil das Frühstück schneller abläuft als ich dachte, beschließe ich, doch einen Abstecher nach Warschau zu machen. Glücklicherweise.  Was für eine Stadt! Natürlich habe ich nur Fragmente gesehen und mir nicht die Zeit genommen, die wahren Bedeutungen der Bauwerke zu ergründen, aber es ist schon sehr beeindruckend, in Warschau durch die Altstadt zu schlendern. Im Krieg fast vollständig zerstört, wurde die Altstadt sofort danach wieder originalgetreu aufgebaut, darum wirken die alten Häuser relativ neu. Aber auch die Neustadt mit ihrem Finanzzentrum, das Frankfurt alle Ehre macht, und den modernen Hochhäusern (ab wann spricht man von Wolkenkratzern?) ist sehr imposant.





Die Plätze sind voller Menschen, eine pulsierende Metropole mit Flair - ganz sicher einen getrennten Besuch wert.

Um etwas Zeit zu sparen, finde ich mich etwas später auf der Autobahn wieder, es geht durch flaches Gelände und durch endlose Ebenen mit Feldern und noch mehr Feldern. Erst in Kielce fahre ich wieder ab, durchquere ein paar Wälder und Dörfer und merke, wie verwöhnt ich bin. Es langweilt mich einfach hier zu fahren. Also wieder auf die Autobahn und die so gewonnene Zeit für einen Kurzbesuch in Krakau hernehmen (wieder eine Planänderung und wieder gut, dass ich alleine fahre).


Trotz Berufsverkehr komme ich schnell ins Zentrum und wieder überrascht mich die Menge und Qualität der bemerkenswerten Gebäude in der Innenstadt. Viele Kirchen, eine Burg und jede Menge Fassaden, die auch in Wien wohnen könnten, dazu großzügige Plätze und Parkanlagen. Eine beeindruckende Stadt, auch wenn ich in 2 Stunden natürlich nur das innerste Zentrum gesehen habe.

Meine letzte Unterkunft in Polen liegt an einer Stadtausfahrt aus Krakau. Ein Allerweltshotel einer bekannten Kette. Alles ist glatt, alles ist geradlinig, alles ist konform. Kein Platz für Individualität wie es noch das Holzhaus samt Biergarten in Liepaja hatte. Andererseits kommt heißes Wasser nach Sekunden aus dem Hahn, der TV funktioniert mitsamt seiner Fernbedienung und geparkt wird direkt beim Hotelzimmereingang.

Am Morgen geht’s los in Richtung Slowakei, schon 5 Minuten nach dem Start hört das sehr, sehr leichte Nieseln ganz auf und die Straßen trocknen. Schon nach wenigen Kilometern sieht man die ersten Berge und selbst die Landstraße wird kurviger.  Es geht zügig dahin, ich halte mich in Richtung Zakopane (Planänderung). Wenn ich schon mal Inder Nähe bin, will ich mir den berühmtesten polnischen Wintersportort auch ansehen. Bereits die Anfahrt (noch 25km) lässt Böses ahnen. Es beginnt zu stauen, überall Baustellen und gefühlt mehr Autos als in Krakau. Schon jetzt beginnen überdimensionierte reklametafeln die Gegend zuzutrauen. Werbung nicht nur für den Wintersport, Werbung für alles und in Plakatgrößen, die ich noch nie so gesehen habe (geschätzt: 5x10m je Plakat). Es sieht furchtbar aus und es wird nicht besser, nur voller. Die Stadt selbst quillt über vor Touristen und dabei ist heute ein Donnerstag Mitte September. Natürlich gibt es beeindruckende Prachtbauten und allerlei Gebäude, wo sich ein zweiter Blick lohnen würde, aber dazu fehlt mir echt die Lust. Neben den Straßen steht ein Souvenirladen neben dem anderen und die Verkehrssituation ist abenteuerlich. Ich bin froh, als ich das Stadtgebiet verlassen kann, und freue mich auf die kommenden Kurven. Aber selbst das funktioniert nicht, weil 1.) alles reglementiert, beschränkt oder durch Baustellen verbaut ist oder 2.) der Gegenverkehr von den Chalet-Dörfern in den Bergen über Zakopane es einfach nicht zulässt.


Kurz nach dem Grenzübergang in die Slowakei wird es deutlich besser. Die Straße bleibt kurvig, der Verkehr ist plötzlich weg und die kleinen Örtchen sind mir deutlich sympathischer als die Touristenzentren. Besonders die Straße 537 ist empfehlenswert.  Kilometerlange Strecken durch Wälder (zumindest ein Hirsch taucht auf, wenn schon kein Elch) und die Entschleunigung haben mich wieder. Es kurz vor meinem heutigen Etappenziel wird es wieder lebhaft. Die Stadt Zvolen liegt ziemlich genau in der Mitte der Slowakei. Eine Kleinstadt mit einer kaum zu bewältigenden Einbahnordnung, sodass ich am Ende quer durch die Fußgängerzone gefahren bin, um zur Unterkunft zu kommen. Irgendwie fühlt sich alles wieder sehr nach zuhause an,

es gibt wieder bekannte Firmennamen überall, das Essen ist wieder bekannt und man findet auch wieder Arte und 3SAT in der Programmübersicht (nach wie vor bin ich aber ganz begeistert, dass mein Netflix-Account mich ohne Probleme quer durchs Baltikum begleitet hat).

 


Ein letztes Abendessen im Ausland, die Vorfreude aufs Heimkommen steigt und der letzte Tag beinhaltet wieder KM-Fressen auf der Autobahn. Alles geht gut, mein Moped (Hubertus, der Tiger) und ich kommen planmäßig und größtenteils unversehrt, aber dreckig und müde gegen 15:00 zuhause an.

 

(dieser Text ist nicht KI generiert 😊)

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